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„Es kommt immer anders als erwartet“


Von Kanada nach Treis – Getränkehändler Chris Starke berichtet, wie es ihn ins Lumdatal verschlagen hat und was Treis für ihn liebens- und lebenswert macht.

Ich war immer derjenige in meinem Freundeskreis, der mit seiner Heimat recht zufrieden war. Stolz auf die Heimat, könnte man sagen. Denn die großzügig angelegte Millionenstadt Edmonton in der hübschen kanadischen Provinz Alberta hat alles geboten, was ich so brauchte: üppige Einkaufsmöglichkeiten, eine weltklasse Universität, Karrieremöglichkeiten, Nachtleben, Familie, gute Freunde, niedrige Arbeitslosigkeit und einen recht hohen Lebensstandard. Trotzdem wollten viele meiner Freunde nach der Uni in die Ferne schweifen: Städte wie Toronto, Vancouver oder gar Denver und New York waren ihr Ziel. Bei mir nicht. Ich war zufrieden. Ich wollte bleiben. Aber es kam anders als erwartet.

Es bot sich die Gelegenheit, am Ende meines Studiums ein Praktikum an einem mittelhessischen staatlichen Schulamt zu machen. „Das schadet sicherlich nicht“, dachte ich mir. Auslandserfahrung kommt immer gut an.

Hätte ich allerdings geahnt, dass ich meine geliebte Heimat dauerhaft verlassen würde, wäre ich mit Sicherheit damals nicht in den Flieger gestiegen.

15 Jahre ist es nun schon her. Und bereut habe ich es nicht. Bin ich denn froh hier zu leben? Jap, sehr froh. Denn ich hab’s gut getroffen. Mitten ins Lumdatal. Nach Treis. „Wie konntest du denn Kanada für Treis verlassen?!?“, fragen mich Leute, auch Treiser, immer wieder.

Meine Antwort dazu:

Kennt ihr denn überhaupt Treis? Ich schon:

Treis ist ein Ort mit ziemlich vielen coolen Leuten. Coole Nachbarn, coole Mitbewohner. Ich habe das Glück, dass ich die meisten davon kenne, und viele davon regelmäßig sehe. Diese Leute, die in Treis wohnen, haben auch einen Namen: Sie nennen sich Treiser. Nein, Träser. Oder Muspretzer. Genauer gesagt, Träser Muspretzer.

Die Träser feiern auch gern. Und wissen auch, wie das geht. Ganz schön sogar. Und wer mir nicht glaubt, sollte mal auf die Kirmes kommen. Oder zum Fasching. Oder zum Papalala Festival. Langeweile oder verdursten? Nicht in Treis. Niemals.

Wem das zu viel Trubel ist, sollte es mal mit mittwochs oder freitags beim Bing, donnerstags oder samstags beim Norbert und sonntags zum Brunch beim Karlheinz probieren. Es gibt Theken und runde Tische, an denen Vier-, Sechs-, oder manchmal Zwanzigaugengespräche stattfinden. Egal ob man um fünf Uhr Tee trinkt oder etwas später einen Feierabendschoppen genießt, es gibt viel zu lachen, nette Leute und gute Laune. Denn das ist Leben in Treis.

Treis ist übrigens in vielen Bereichen Spitzenreiter: Wir haben eine extrem hohe Dichte an begabten Musikern, wir haben Fussballtalente, einen super Kindergarten und eine tolle Grundschule mit Schülerbetreuung. Und nebst der wunderschönen neuen Lumdabrücke gibt es einen wunderschönen Automaten, der uns morgens um fünf das Eierbacken ermöglicht. Das nur am Rande.

Gibt es aber trotzdem Momente, in denen ich nachdenklich und sentimental werde? Momente, in denen ich meine Freunde und Familie in Kanada vermisse? Ja, die Momente gibt es. Nennt man das Heimweh? Nein. Ich glaube nicht.

Denn ich lebe in Treis. Und ich mag das Leben in Treis. Denn ich bin Träser. Und werde es bleiben. Zum Glück kommt es immer anders als erwartet.

Chris Starke