Andreas

Gedanken aus dem Pfarrhaus im Oktober 2013


Liebe Gemeinde,

Sie halten die erste Ausgabe unseres  neuen Gemeindebriefs – die Tollkirche  – in den Händen. Ein außergewöhnlicher Titel für eine außergewöhnliche Gemeinde. Was ist der Kern unseres Glaubens? „Nächstenliebe zu üben“. Aber was heißt hier üben? In einer modernen Bibelübersetzung heißt es:

Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist nicht wie du (Markus 12,31). Weil mein Mitmensch nicht so ist, wie ich bin, darum müssen wir Nächstenliebe üben. Deswegen hat unsere Evangelische Kirche in Hessen und Nassau als Motto ihrer jährlichen Herbstaktion das Thema gewählt:

„Toleranz üben, üben“.  

Auch vor dem Hintergrund der braunen Umtriebe im Lumdatal haben wir ein entsprechendes Spruchband an unsere Kirchenmauer gehängt. Wir sind alle verschieden – ein Glück!

Treis war immer schon ein tolerantes Dorf. Nicht nur die Flüchtlinge nach dem Krieg wurden hier offen aufgenommen. Auch bei der diesjährigen Sternstunde im Garten des alten Forsthauses waren sehr viele in Treis lebende „Ausländer“  herzlich willkommen geheißen worden. Treis war lange Grenzdorf zu Kurhessen hin. An der Grenze zu leben, fördert Offenheit und Toleranz. Vielfalt macht unser Leben reich und interessant, ja genau genommen würde es kein Leben und keinen Fortschritt geben, wenn sich Kulturen nicht entwickeln und verändern würden. Auch unsere Kirche hat sich sehr gewandelt und ich glaube, nicht nur ich bin froh darüber.

Aber Toleranz in unserem nächsten Umfeld zu üben, fällt uns nicht immer leicht. Wir müssen Toleranz ganz bewusst wollen und üben: Gegenüber Jugendlichen, die sich mit Smartphones verständigen, gegenüber der älteren Generation, die ganz andere Bedürfnisse hat, gegenüber der neuzugezogenen jungen Familie, die ihre Kinder anders erzieht, als wir es gewohnt sind.

Überall da, wo Toleranz auch unseren gewohnten Lebensstil konkret betrifft, gilt es, Toleranz im wahrsten Sinne des Wortes zu üben. Denn jemanden in China anders sein zu lassen, ist keine Kunst, aber zu Hause, in der Nachbarschaft oder im Verein jemanden mit einer anderen Einstellung zu tolerieren, bedeutet: Sich damit auseinandersetzen und seinen bisherigen Lebensstil verändern. Deswegen lautet unser Motto: Toleranz üben, üben! Mit einmal Üben ist es bei der Toleranz nicht getan. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich bei unterschiedlichen Meinungen nicht zurückzuziehen, sondern in Kontakt zu bleiben, um der Vielfalt, um des Lebens, um der Liebe willen.

Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist nicht wie du.  

Oft wird Toleranz mit Desinteresse und Gleichgültigkeit verwechselt: „Mir doch egal, was der macht oder denkt.“ Aber das ist keine Toleranz. Toleranz ist im Gegenteil ein ganz bewusstes Interesse an meinem Mitmenschen, der nicht so ist wie ich und das ist wahrscheinlich das Schwerste – die Bereitschaft zu einem lebenslangen Lernen und Sich-Entwickeln.

Mich berührt es immer wieder, wenn ich ältere Menschen treffe, die sich an den Computer wagen und Jugendliche, die sich mit mir über Rocktitel aus meiner Jugendzeit unterhalten. Heute nehme ich mir vor, einen Mitmenschen in seinem Anders-Sein besser zu verstehen – ich bin gespannt.

Ihr/Euer Pfarrer Andreas Lenz