Evangelische Kirchengemeinde Treis / Lumda

Tollkirche

Die „Tollkirche“ ist der Gemeindebrief unserer Kirchengemeinde und erscheint halbjährlich seit Oktober 2013. Im November 2015 wurde die „Tollkirche“ mit dem Gemeindebriefpreis der EKHN als bester Gemeindebrief der Landeskirche ausgezeichnet. In der „Tollkirche“ wird weniger Wert auf Aktualität als auf Qualität der Berichte gelegt. Sie sieht sich selbst eher als Gemeindemagazin, das das Gemeindeleben dokumentiert und in der Kategorie „Blick über den Tellerrand“ auch Informationen aus Dekanat und Landeskirche bereitstellt. Weitere Inhalte sind Gruppen der Gemeinde, die sich vorstellen dürfen, Rückblicke über vergangene Veranstaltungen, Termine und Kasualien. Pfarrer Lenz ist jeweils mit einem Vorwort unter dem Titel „Gedanken aus dem Pfarrhaus“ vertreten und schreibt außerdem immer den letzten Artikel: Unter der Überschrift „Pfarrers Spinnstube“ präsentiert er zum Abschluss jeder Ausgabe kreative, innovative und ungewöhnliche Ideen für die zukünftige Gestaltung des Gemeindelebens. Jede „Tollkirche“ steht unter einem Hauptthema, zu dem die meisten Artikel, Interviews und Erfahrungsberichte einen Bezug aufweisen. Eine Auswahl von Tollkirchen-Artikeln zu ganz unterschiedlichen Themen finden Sie unter diesem Menüpunkt.

Taufe, Trauung und noch viel mehr Leben

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat ihren Gemeinden einen neuen Leitfaden für die Praxisarbeit gegeben. Das beschloss die Synode der EKHN im Juni diesen Jahres. Die so genannte Lebensordnung, die ab dem 1. August 2013 gilt, gibt vor allem Gestaltungshinweise für kirchliche Amtshandlungen wie Taufe, Trauung oder Bestattung. Das reicht vom Vorschlag, sich stärker den Musikwünschen von Angehörigen bei Trauerfeiern zu öffnen bis zur Ermutigung, auch Nichtmitglieder oder Ausgetretene weiter zu kirchlichen Veranstaltungen einzuladen. Mehr Toleranz gegenüber Andersgläubigen Zudem werden religiöse Feiern mit anderen Religionen befürwortet. Schließlich wurde auch die seit über zehn Jahren in der EKHN bereits mögliche Segnung von eingetragenen Lebenspartnerschaften aufgewertet. Die Gottesdienste zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren sollen nach dem Willen des Kirchenparlaments mit den traditionellen Trauungen weitgehend gleichgestellt werden, sodass sie zum Beispiel ebenfalls ins Kirchenbuch eingetragen werden sollen. Beschlossen wurde die neue Lebensordnung nach einer intensiven Debatte und mit überwältigender Mehrheit bei nur drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen von ingsesamt 134 stimmberechtigten Kirchenvertreter/innen. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, würdigte den neuen Leitfaden als „guten und orientierenden Text“. Die Ordnung soll nach Worten Jungs dabei „gerade kein Lexikon oder gar Gesetzbuch für alle Einzelfälle der Gemeindearbeit sein“. Vielmehr soll sie „zur sensiblen Wahrnehmung, zur theologischen Klärung und verantwortlichem Handeln“ anregen. „Sich den gesellschaftlichen Herausforderungen stellen“ „Die Lebensordnung bringt ins Bewusstsein, dass es permanent nötig ist, sich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen, sie biblisch-theologisch zu klären, um dann daraus Folgerungen für die eigene Arbeit zu ziehen“, so Jung. Der Präses der Kirchensynode, Dr. Ulrich Oelschläger, lobte die „sachlich und engagiert geführte Debatte, die auch den Respekt gegenüber anders Denkenden nicht vermissen ließ, ebenso wie der entstandene Text“. Anerkennung einer neuen Lebenswirklichkeit Mit der weitgehenden Gleichstellung der Segnung Gleichgeschlechtlicher mit der Trauung, der Integration neuer Bestattungsformen, mit Empfehlungen für Gottesdienste im Rahmen des jüdisch-christlichen Dialogs reagiere die Ordnung vor allem auf eine neue Lebenswirklichkeit innerhalb der Gemeinden, erklärte Oelschläger. Die alten Regelungen waren zum Teil über 50 Jahre alt. An der rund 40 Seiten umfassenden Neufassung der „Ordnung für das kirchliche Leben in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“ wurde fast ein Jahrzehnt gearbeitet. Sie ersetzt Regelungen, die zum überwiegenden Teil noch aus dem Jahr 1962 stammen. In dem umfangreichen Entstehungsprozess hatten sich neben einer Kommission der Kirchenleitung und den Ausschüssen der Kirchensynode unter anderem auch Universitätstheologen sowie 196 Gemeinden, 14 Dekanatssynoden und elf Pfarrkonvente beteiligt. Künftig ist Toleranz in der EKHN also sogar gesetzlich verankert. Quelle: www.ekhn.de

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Weniger ist mehr: Die meditativen Abendgottesdienste

„Worin besteht denn hier der Unterschied zum altbekannten Sternstunden-Gottesdienst?“ mag sich manches Gemeindemitglied gedacht haben, das lediglich Termin und Thema eines meditativen Abendgottesdienstes irgendwo aufgeschnappt hat. Doch seit die Meditativen Abendgottesdienste als neues Gottesdienstkonzept im Jahr 2012 eingeführt wurden, haben sie sich neben den Sternstunden als ebenfalls moderner, aber vollkommen anders gehaltener Gottesdienst etabliert. Jeder Abendgottesdienst steht unter einem Thema, ähnlich wie die Sternstunden – ein Thema, wie zum Beispiel „Jenseits der Grenze – Hoffnung über den Tod hinaus“ am 8. September 2013, auf das dann Predigt, Gemeindelieder und Gebete abgestimmt werden. Der Gottesdienst folgt dabei jedoch einer einheitlichen, modernen Liturgie, die sich an den Kirchentagsgottesdiensten orientiert und eigens für dieses neue Treiser Konzept von Pfarrer Lenz und Kirchenmusikerin Daniela Werner erstellt wurde. Die Gemeindelieder, die während des Gottesdienstes gesungen werden, stammen aus dem Liederbuch der evangelischen Studentengemeinde Frankfurt und sind textlich wie melodisch auch für jüngere Leute ansprechend. Damit sich die Gemeinde an die unbekannten Lieder langsam gewöhnen kann, singt die Ansinggruppe unter Leitung von Daniela Werner jedes Lied einmal alleine vor, bevor die Gemeinde einstimmt. Auch sonst gibt es häufig noch weitere Liedbeiträge, vorgetragen von Sängern oder Instrumentalisten. Durch die Dauer von etwa einer Stunde, einer eher ruhigen, ja meditativen Stimmung und der festgelegten Liturgie als Rahmen entsprechen die Abendgottesdienste strukturell eher einem der üblichen Gottesdienste und verfügen nicht über den für Sternstunden typischen Eventcharakter mit Bands, Lichtshow und anschließender Feier im Gemeindehaus. Nun, nach der eineinhalbjährigen Probezeit des meditativen Abendgottesdienstes, lässt sich der Erfolg des neuen Angebots feststellen. Die Gottesdienste, die eine Alternative zum gewohnten Sonntagmorgen-Gottesdienst um 11 Uhr bieten sollen, werden von einem breiteren Spektrum der Bevölkerung angenommen und erfreuen sich einer höheren Besucherzahl. Gründe dafür mögen neben dem ansprechenderen, den Bedürfnissen der heutigen Zeit eher angepassten Konzept auch der Umstand sein, dass den Menschen 18 Uhr als Zeitpunkt für einen Gottesdienst besser in den Tagesablauf passt. Wie man in Treis in Sternstunden und nun den meditativen Abendgottesdiensten sehen kann, besteht nicht grundsätzlich ein Desinteresse an Religion, Glaube und Kirche. Und: Es muss nicht unbedingt ein Riesenevent wie eine Sternstunde sein, für das die Menschen gerne in die Kirche kommen. Manchmal ist weniger eben mehr.

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Gedanken aus dem Pfarrhaus im Oktober 2013

Liebe Gemeinde, Sie halten die erste Ausgabe unseres  neuen Gemeindebriefs – die Tollkirche  – in den Händen. Ein außergewöhnlicher Titel für eine außergewöhnliche Gemeinde. Was ist der Kern unseres Glaubens? „Nächstenliebe zu üben“. Aber was heißt hier üben? In einer modernen Bibelübersetzung heißt es: Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist nicht wie du (Markus 12,31). Weil mein Mitmensch nicht so ist, wie ich bin, darum müssen wir Nächstenliebe üben. Deswegen hat unsere Evangelische Kirche in Hessen und Nassau als Motto ihrer jährlichen Herbstaktion das Thema gewählt: „Toleranz üben, üben“.   Auch vor dem Hintergrund der braunen Umtriebe im Lumdatal haben wir ein entsprechendes Spruchband an unsere Kirchenmauer gehängt. Wir sind alle verschieden – ein Glück! Treis war immer schon ein tolerantes Dorf. Nicht nur die Flüchtlinge nach dem Krieg wurden hier offen aufgenommen. Auch bei der diesjährigen Sternstunde im Garten des alten Forsthauses waren sehr viele in Treis lebende „Ausländer“  herzlich willkommen geheißen worden. Treis war lange Grenzdorf zu Kurhessen hin. An der Grenze zu leben, fördert Offenheit und Toleranz. Vielfalt macht unser Leben reich und interessant, ja genau genommen würde es kein Leben und keinen Fortschritt geben, wenn sich Kulturen nicht entwickeln und verändern würden. Auch unsere Kirche hat sich sehr gewandelt und ich glaube, nicht nur ich bin froh darüber. Aber Toleranz in unserem nächsten Umfeld zu üben, fällt uns nicht immer leicht. Wir müssen Toleranz ganz bewusst wollen und üben: Gegenüber Jugendlichen, die sich mit Smartphones verständigen, gegenüber der älteren Generation, die ganz andere Bedürfnisse hat, gegenüber der neuzugezogenen jungen Familie, die ihre Kinder anders erzieht, als wir es gewohnt sind. Überall da, wo Toleranz auch unseren gewohnten Lebensstil konkret betrifft, gilt es, Toleranz im wahrsten Sinne des Wortes zu üben. Denn jemanden in China anders sein zu lassen, ist keine Kunst, aber zu Hause, in der Nachbarschaft oder im Verein jemanden mit einer anderen Einstellung zu tolerieren, bedeutet: Sich damit auseinandersetzen und seinen bisherigen Lebensstil verändern. Deswegen lautet unser Motto: Toleranz üben, üben! Mit einmal Üben ist es bei der Toleranz nicht getan. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich bei unterschiedlichen Meinungen nicht zurückzuziehen, sondern in Kontakt zu bleiben, um der Vielfalt, um des Lebens, um der Liebe willen. Liebe deinen Mitmenschen, denn er ist nicht wie du.   Oft wird Toleranz mit Desinteresse und Gleichgültigkeit verwechselt: „Mir doch egal, was der macht oder denkt.“ Aber das ist keine Toleranz. Toleranz ist im Gegenteil ein ganz bewusstes Interesse an meinem Mitmenschen, der nicht so ist wie ich und das ist wahrscheinlich das Schwerste – die Bereitschaft zu einem lebenslangen Lernen und Sich-Entwickeln. Mich berührt es immer wieder, wenn ich ältere Menschen treffe, die sich an den Computer wagen und Jugendliche, die sich mit mir über Rocktitel aus meiner Jugendzeit unterhalten. Heute nehme ich mir vor, einen Mitmenschen in seinem Anders-Sein besser zu verstehen – ich bin gespannt. Ihr/Euer Pfarrer Andreas Lenz

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